Dienstag, 7. April 2020
Er ist der einzige Bürgermeister einer Rheininsel

Warum die Ortsgemeinde Niederwerth für Josef Gans (63) ein Paradies ist

Von unserer Mitarbeiterin Katharina Demleitner

 

Niederwerth Niederwerth ist einzigartig: Es ist Deutschlands einzige, selbstständige Flussinselgemeinde. Das gut drei Quadratkilometer große Eiland im Rhein gehört zur Verbandsgemeinde Vallendar. Rund 1300 Einwohner leben in der Wahlheimat von Ortsbürgermeister Josef Gans. Sein Amt will der SPD-Politiker im nächsten Jahr aufgeben, woanders wohnen kommt aber für ihn nicht infrage.

Dauerwinken ist angesagt, wenn Josef Gans auf dem Niederwerth unterwegs ist. Beim kurzen Rundgang für das Zeitungsfoto grüßt beinah jeder Passant den 63-Jährigen, der seit 15 Jahren Bürgermeister ist. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist hier sehr groß“, sagt Gans, der eigentlich ein Fremder ist. Aufgewachsen in Ehrenbreitstein, brachte ihn der Stammtisch seiner Eltern regelmäßig auf die Insel. „Der Rhein faszinierte mich schon als Kind“, betont er. Als auf Niederwerth eine Wohnung frei wird, zieht Gans 1979 mit seiner aus Arzheim stammenden Frau Martina ein. Die Wahl des Sozialdemokraten Rudolf Scharping zum Ministerpräsident 1992 veranlasst ihn, in die SPD einzutreten und eine Arbeitsgemeinschaft auf dem Niederwerth zu gründen. 1994 wird der Vater eines Sohnes Ratsmitglied, später Fraktionsvorsitzender und 2004 Bürgermeister – „als erster Nicht-Insulaner“, schmunzelt er. Das konstruktive Miteinander im Gemeinderat macht ihm bis heute „Freude, weil es um die Sache und nicht um Parteipolitik geht“.

Ein Rathaus gibt es keines auf dem Niederwerth, dafür hat die Insel eine eigene Hymne. In dem Lied heißt es: „Hier zu leben und zu wohnen wird von vielen sehr begehrt.“ Für den Bürgermeister ist sein Wohnort das Paradies: „Hier hat man seine Ruhe, an der Inselspitze kann man am Wasser sitzen, die Seele baumeln lassen, dazu die tolle Landschaft“, schwärmt Gans. Bauland ist begehrt, aber begrenzt: „Beim Hochwasser 1993 und 1995 stand Niederwerth zu zwei Dritteln unter Wasser, seit dem sind die Baulinien enger“, erklärt der Ortschef. Grundstücke würden meist in der Familie weitergegeben. Rund 50 unbebaute Baugrundstücke gibt es, die die Gemeinde dringend bräuchte: „Es wäre schön, wenn die Eigentümer sich für den Verkauf öffnen könnten.“ Mangels Wohnraum steigt die Einwohnerzahl der Inselgemeinde nicht – aber sie fällt auch nicht. „Hier will keiner weg“, meint Gans, der besonders stolz auf Kita und Grundschule der Gemeinde ist.

Hochwasser ist seit eh und je ein Thema auf der Insel, die schon im 8. Jahrhundert besiedelt war. Im 13. Jahrhundert ließen sich Nonnen nieder, zuletzt nutzten Zisterzienserinnen bis Anfang des 19. Jahrhunderts das Kloster. Geblieben ist die spätgotische Kirche, die Jahr für Jahr viele Touristen anzieht. Sie alle kommen über die Brücke, die Niederwerth seit 1958 mit dem Festland verbindet – eine Belastung für die Anwohner und ein Problem bei Hochwasser. Seit mehr als 40 Jahren kämpft die Inselgemeinde um eine hochwassersichere Anbindung. Eigentlich sollte der Spatenstich in diesem Herbst erfolgen, das Planfeststellungsverfahren ist längst abgeschlossen, „aber es geht nichts vorwärts“, klagt der Bürgermeister.

Unter anderem bei Hochwasser helfen die örtliche Feuerwehr und das Rote Kreuz. Viele Niederwerther sind dort wie in den anderen insgesamt elf Vereinen aktiv. Der Sportverein hat die meisten Mitglieder und ist ebenso wie die St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft, die Kirmesgesellschaft, der Karnevals- und der Musikverein, die Frauen- und Müttergemeinschaft und dem Bauern- und Gartenbauverein an vielen Festen und Veranstaltungen beteiligt.

Bekannt ist das Niederwerth für Spargel und Erdbeeren, die Landwirtschaft spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Zwei Vollerwerbsbauern bauen Kartoffeln, Mais und Getreide an, knapp 50 Betriebe wirtschaften im Nebenerwerb. Gans ist darüber froh, „sonst sähe es hier bald so aus wie auf Graswerth“. Die unbewohnte Insel gehört zur Gemeinde dazu und ist ein Naturschutzgebiet.

Die Insel hat sich nach Ansicht des Bürgermeisters gut entwickelt. Doch nach drei Amtsperioden soll Schluss sein. „Es wird mir schwerfallen, aber ich möchte mehr Zeit für Familie und Freunde haben und selber entscheiden, wann ich aufhöre“, erklärt er seinen Entschluss, im kommenden Mai nicht wieder zu kandidieren. Bis dahin will er noch Weichen stellen, für die neue Anbindung der Insel, ein Baugebiet und für eine Herzensangelegenheit, die Errichtung eines Mehrgenerationenhauses: „Dann sind andere dran.“

RZ Koblenz und Region vom Dienstag, 5. Februar 2019, Seite 23

 

 
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